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Gunter Runkel


Moralisierung (Gesinnungsethik) statt Realpolitik (Verantwortungsethik)*


Die philosophisch-soziologische Anthropologie ist ein besonders in den 1920er Jahre entwickelter Denkansatz, der die Rolle des Menschen in der Moderne thematisiert. Der Mensch wird als Einheit von Körperlichkeit, Psyche, Kultur und Sozialität gefasst. Es werden empirische Ergebnisse in die philosophisch-soziologische Betrachtungsweise eingebaut, z.B. Erkenntnisse der Biologie.
Als Gründerväter der philosophisch-soziologischen Anthropologie gelten Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen. Die philosophisch-soziologische Anthropologie schließt besonders an die Philosophie des Lebens an, wie sie von Friedrich Nietzsche vorgegeben wurde.
Der Mensch ist nach Gehlen ein Mängelwesen, das sich durch Weltoffenheit auszeichnet. Der Mensch muss sich sein Verhältnis zur Welt selbst aufbauen, da er nicht an eine spezifische Umwelt angepasst ist. Es fehlen dem Menschen die spezialisierten Organe und instinktiven Verhaltensweisen. Der Mensch ist auf Kultur angewiesen, um in feindlichen Umwelten zu überleben. Beim Menschen erfolgt eine Instinktreduktion. Bei Tieren wird das Verhalten durch Instinkte geregelt, die beim Menschen weitgehend fehlen. Da die Menschen Mängelwesen sind, entwickeln sie einen Antriebsüberschuss, der sie zu übermütigem, risikoreichen Verhalten, aber auch zu neuen Lösungen treibt.
Der Mensch als Mängelwesen bedarf nach Gehlen Entlastungen, die er in Institutionen findet. Nach Gehlen geht die Gesellschaft ohne stabile Institutionen zugrunde.

Die menschlichen Entlastungen ergeben folgendes Bild:
Objektiver Weltbezug
Intersubjektiver Weltbezug
Subjektiver
Weltbezug
Kleine Entlastungen
Automatismen
Gewohnheiten
Hintergrundserfüllung
Große Entlastungen
Technik
Institutionen
Kunst

Gehlen verbindet Körper und Geist und wählt dazu den Begriff der Handlungen. In „Urmensch- und Spätkultur“ (Gehlen, Ffm 1977) konkretisiert Gehlen seine anthropologische Theorie der Institutionen, die wie Recht, Eigentum, Ehe und Familie als Instinktersatz wirken. Institutionen stellen für die Menschen Entlastungen dar.

Für Gehlen ist eine Wahrheit evident, das alle Gruppen ihr Territorium vor Eindringlingen schützen. Gehlen konstatiert, dass die europäischen Gesellschaften von innen heraus zum Kulturverfall neigen und eine Tendenz besitzen, ihre Kultur zu zerstören.
Der neue Mensch, habgierig und sanft, entwickelt einen modernen Subjektivismus, der sich von Bindungen und Institutionen löst, sich von ihnen „befreit“.
Gehlen lehnt den übersteigerten Humanismus ab, den er Humanitarismus nennt. Er stellt ihn als erweitertes Ethos der Großfamilie vor. Die Kleingruppe ist durch familiäre Gleichberechtigung gekennzeichnet. Die Idee der Nächstenliebe ist eine familiäre. Der Pazifismus und die Mitleidsethik mit den Hemmungsmechanismen bei Nahestehenden sind Ausdruck dieser familiären Binnenmoral.
So gehören auch Vorstellungen wie Individualisierung, Subjektivismus und Selbstverwirklichung in den Bereich der Familienmoral. „Der Mensch weiß nicht, was er ist, daher kann er sich nicht direkt verwirklichen, er muß sich mit sich durch die Institutionen vermitteln lassen.“ (Gehlen, Moral und Hypermoral, Ffm 2004, S.96)
Die humanitäre Gesinnungsmoral soll man nicht auf die politische Moral übertragen. Gehlen erwähnt zustimmend Hannah Arendt, dass Güte im Öffentlichen nur einen korrumpierenden Einfluß haben kann.
Dietmar Brock betont im Anschluss an Gehlen, dass die politische Moral nicht durch eine auf Liebe und gegenseitige Achtung ausgerichtete Hausmoral verwässert werden darf.
Arnold Gehlen möchte eine in seinen Augen an falschen moralischen Fragen festgemachte Diskussion politischer Fragen „entlasten“, die dazu geführt hat, dass die Deutschen ihre nationalen politischen Interessen nicht entschiedener verfolgen. Doch die Verantwortungsethik in der Realpolitik ist in Deutschland nur gering ausgeprägt. „Es ist die bedeutendste geschichtliche Leistung einer Nation, sich überhaupt als eine ... verfaßte geschichtliche Einheit zu halten, und den Deutschen ist sie nicht geglückt.“ (Gehlen, Moral..., S.99)
Den Deutschen werden durch eine kollektive Erziehung Schuldgefühle für die Verfehlungen ihrer Vorfahren anerzogen. Dies gibt es in dieser Form in keinem Land der Erde, obwohl zum Beispiel die Amerikaner einen Genozid an den Indianern begingen und die Briten und Franzosen ihre Kolonialreiche mit Verbrechen aufgebaut haben. Auch in Russland werden die Verbrechen Stalins, die zahlenmäßig umfangreichsten des 20. Jahrhunderts, verdrängt.
Es wird in diesem Zusammenhang auf die Einmaligkeit der deutschen Verbrechen abgestellt. Doch alle Verbrechen, sowohl der Völker wie der Einzelnen, sind jeweils einmalig.
Die deutsche Vergangenheitsbewältigung hängt mit einem besonderen deutschen Phänomen zusammen - der „Verewigung der Vergangenheitsbewältigung“. (Tenbruck, in Albrecht u.A., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik, Ffm 2000, S. 82) Dadurch wird die deutsche Schuld an der Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg auf Dauer gestellt, die zu einer „felix culpa“, einer heilsnotwendigen Schuld hochstilisiert wird, so dass sich viele Deutsche darin suhlen, dass sich viele ihrer Vorfahren schuldig gemacht haben. Daher mahnt der linksliberale „Spiegel“ vom 25.03.2013 unter dem Leitartikel „Das ewige Trauma“: „Man muß der Schuld ein Ende setzen … nur darf die permanente Büßerhaltung nicht zur politischen und moralischen Selbstlähmung führen, kein Alibi werden, hinter dem sich die Verantwortung zu handeln versteckt.“
Schon Friedrich Nietzsche führte in seiner Schrift 'Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben' aus, dass sowohl das Unhistorische wie das Historische gleichermaßen für die Gesundheit eines Einzelnen, eines Volkes und einer Kultur nötig sei. Bei einem Übermaß an Geschichte zerbröckelt und verkümmert das Leben. Da die Menschen Resultate früherer Geschlechter sind, sind sie auch Resultate ihrer Verirrungen und Verbrechen. Es gibt zwar den Versuch, sich eine bessere Vergangenheit zu geben, aus der man stammen möchte, doch dies sieht Nietzsche als einen gefährlichen Weg an. Man braucht eine gewisse Erkenntnis der Vergangenheit, aber nur zum Zwecke des Lebens und im Dienste der Gegenwart und Zukunft. Die plastische Kraft eines Menschen, eines Volkes und einer Kultur bestehe darin, „Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene Formen aus sich nachzuformen.“ (Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, München 1999, S.161) Das Leben muss vergessen können, wenn es weiterschreiten will.
Bei einem Vergleich der verschiedenen klassischen soziologischen Ansätze erkennt man, dass diese im 19. Jahrhundert meist an einem optimistischen Evolutionismus und an einem Fortschrittsglauben orientiert sind, so insbesondere bei Comte, Saint-Simon, Spencer und Marx.
Um die Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts tritt eine Verschiebung in Richtung Kulturpessimismus auf. Zum einen bewirkt ein verstärkter Umbau der Sozialstruktur mit einhergehender rasanter Industrialisierung, Proletarisierung und der Auflösung traditioneller Bindungen und der damit verbundenen Geworfenheit des Einzelnen auf sein eigenes Ich, das Georg Simmel 'Individualisierung' nennt, ein Abrücken von der optimistischen Zukunftsorientierung.
Dagegen setzt Ferdinand Tönnies die Bedeutung der Gemeinschaft, die sich gegen die Anforderungen der Gesellschaft behaupten muss. Er sieht die moderne Entwicklung von 'Gemeinschaft' zur 'Gesellschaft' nicht als Fortschritt an, da für ihn die Auflösung der gemeinschaftlichen Bedingungen sowohl einen kulturellen Verlust und gesellschaftliche Desintegration nach sich ziehen als auch positive Effekte der 'Gesellschaft' diagnostiziert werden können.
Zum anderen wirkt auf der Ebene der Semantik der Einfluss von Friedrich Nietzsche, der, obwohl in Grundzügen an der Evolutionstheorie von Charles Darwin orientiert, diese anders als üblich deutet, da Nietzsche ein radikaler Kritiker der Fortschrittsidee und des Sozialismus ist. So stellt für Nietzsche Entwicklung keineswegs „eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar“, sondern nur eine moderne Idee. Seine Kritik an der damaligen Soziologie mit ihrem Fortschrittsoptimismus begründet er damit, dass die Soziologie nur die Verfallsgebilde als Ideal ansieht. Nietzsche formuliert in diesem Kontext als Ideal das 'Pathos der Distanz'. Seine Gedanken haben wiederum auf Georg Simmel, Max Weber und Karl Mannheim großen Einfluss ausgeübt.
Vilfredo Pareto argumentiert ähnlich wie Nietzsche, den er zwar nicht zitiert, der aber die Vorstellungen des Menschen generell als Illusion ansieht und die Wahrheit einer Aussage von ihrem Nutzenwert unterscheidet.
Seit Jahrhunderten hat sich in Europa eine Trennung der Moral von der Politik vollzogen. Diese findet zum Beispiel ihren Ausdruck in der Weberschen Trennung der Gesinnungsethik, die im privaten Bereich herrschen soll von der Verantwortungsethik, der in der Politik gefolgt werden soll. Die Gesinnungsethik stellt das Handeln unter moralische Prinzipien, die grenzenlos gelten. Für Max Weber kennzeichnet die Gesinnungsethik irrationales Handeln, da die „Flamme der reinen Gesinnung“ (Weber, Der Beruf zur Politik, Stuttgart 1964, S.175) üble Nebenfolgen in Kauf nimmt. Dagegen orientiert sich die Verantwortungsethik an den Folgen des Handelns. Der Gesinnungsethiker führt ohne Rücksicht auf die Folgen den ewigen Kampf gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt. Der Verantwortungsethiker sieht Grenzen der menschlichen Perfektion, Güte und Vernunft und bedenkt die zu erwarteten Folgen. So kann man am Beispiel der Zuwanderung sehen, wie ein gesinnungsethisches Handeln mit damit verbundener Moralisierung der Politik, wie sie von fast allen Politikern im deutschen Bundestag gefordert wird, zu unkalkulierbaren Folgen führt.
Die Beziehung von Moral und Politik hat Rheinhart Kosselek in der Tradition von Hobbes beleuchtet. Er fordert eine Trennung des moralischen Innenraums von den politischen Beziehungen des Staates, da die Orientierung auf das bloße Gewissen zur Quelle des Bösen wird, wie der europäische Bürgerkrieg des 17. und 18. Jahrhunderts gezeigt hat. Die Moralisierung führt zur Ausweitung der Kriege; um dies zu verhindern, wurde die bürgerliche Laienmoral der Staatsmoral untergeordnet.
Gehlen betont die Ambivalenz der Moderne. Für Gehlen laufen Ereignisbeschleunigungen der Spätkultur und früheste Formen des menschlichen Lebens nebeneinander: „Es ist ein sonderbarer, surrealistischer, doch naheliegender Gedanke, dass dieser Erdball seinen Weg weiter stürmt, umkreist von den neuen Monden, nämlich den Paketen des giftigen Atommülls, die man in die Stratosphäre hinausschießt, während irgendwo immer noch die Indianer den Tanz des roten Felsenhahns aufführen.“ (Gehlen, Urmensch und Spätkultur, S.264)
Der Weg der Gemeinschaftsorientierung für die autochthone Bevölkerung wird immer schwieriger. Es stellt sich die Frage nach einem Weiterleben der herkömmlichen europäischen Gesellschaften. Die politischen und medialen Eliten versuchen, die Gesellschaft zu täuschen und eine neue Bevölkerung zu etablieren, weil sie die wahren Folgen z.B. der Masseneinwanderung nicht formulieren. Es soll suggeriert werden, dass sich nichts Grundlegendes ändere. Doch Europa steht vor der Entscheidung, ob es in der jetzigen Form überleben soll oder von einem anderen Gesellschaftsmodell abgelöst wird.
Dies bedeutet: Gibt es in Europa eine Neugeburt oder eine Apokalypse? Für den Marxisten Friedrich Engels ist, wie bei vielen Linksradikalen in Europa, der Untergang ein willkommenes Ziel der europäischen Geschichte, so dass die Massenzuwanderung einer Neugeburt Europas gleichkommt. So glaubt Engels, dass kräftigere Rassen durch deren Vermischung entstehen und „nur Barbaren fähig (sind), eine an verendender Zivilisation laborierende Welt zu verjüngen“.
(Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats., Berlin 1964, S.56, S. 176)
Dies führt zur Frage, ob Gesellschaften überhaupt untergehen können. Ein solcher Untergang kann man bei der völligen physischen Vernichtung eines Volkes annehmen. Doch war 1945 die deutsche Niederlage (wie die Einen sagen) oder die Befreiung (wie die Anderen sagen) ein Untergang, ein Neuzustand oder ein Systemwechsel?
Dies führt zum Problem des Endes von Gesellschaften. Dabei muss man den Gleichgewichtszustand eines Systems, seine Grenzbedingungen und seine Bestandskriterien analysieren. Da es sich bei Gesellschaften nicht um biologische Systeme handelt und daher meist keinen Tod kennen, müssen bei sozialen Systemen die Bestandsvoraussetzungen eines Systems betrachtet werden. Vom Tod oder Untergang eines Systems läßt sich daher nur reden, wenn die funktionalen Leistungen des Systems in der herkömmlichen Art nicht mehr annähernd erfüllt werden können.
Der Untergang Europas ist langfristig nicht zu verhindern, aber man kann versuchen, Elemente der abendländischen Kultur als Vorbild für die Unterdrückten dieser Erde zu erhalten. (Runkel, Europa und der Euro, Aachen 2015, S.65)
In Europa wurde der Freiheitsbegriff entwickelt. Dies macht den Reichtum Europas aus, wodurch die personale Freiheit die individuelle Teilhabe am Politischen ermöglicht. Die innere Zustimmung zu den öffentlichen Gesetzen ist im Sinne von Kant die Voraussetzung und die Verschränkung von Individuum und gesellschaftlicher Sphäre. Doch die grenzenlose Steigerung der Freiheit führt zu ihrem Untergang.
Wie Thomas Mann im „Zauberberg“ den Beginn des Untergangs des alten Europas beschrieben hat, so sehen wir jetzt den Anfang des endgültigen Zusammenbruchs.
Besonders die Zuwanderung und die europäische Finanzkrise am Beispiel Griechenlands sind Belege dafür, wie die Politik, z.B. die der deutschen Bundesregierung, europäische Verträge bricht, um ihren gesinnungsethisch geprägten Schlingerkurs fortsetzen zu können.
Die übersteigerten Moralisten und Sozialromantiker, die für sich eine höhere Moralentwicklung reklamieren, unterstützen den Zusammenbruch Europas. Für sie gilt das Wort von Max Weber: „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

(Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Tübingen 1972, S.204)

 

 

BZ 09.12.2016

Quelle: Bildzeitung 09.12.2016

LZ 08.12.2016 1

Quelle: Landeszeitung 08.12.2016

 

LZ 08.12.2016 2

Quelle: Landeszeitung 08.12.2016

 

LZ 08.12.2016 3

Quelle: Landeszeitung 08.12.2016

 

BZ 24.11.2016

Quelle: Bildzeitung 24.11.2016